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Leserbrief zu: „Bildungsvielfalt statt Einheitsbrei"

Bildung

Michael Simon
Michael Simon

Leserbrief zu: „Bildungsvielfalt statt Einheitsbrei" / Presse­mitteilung der CDU und der Jungen Union im Kreis - AZ-Ausgabe vom 21.07.2010

Leider sind die schulpolitischen Aussagen der Kreis-CDU (Dr. Herbert Drumm) und der Jungen Union im Landkreis (Gregor Sickel) als Reaktion auf die bildungspolitischen Schwer­punkte der SPD und der JungsozialistInnen (JUSOS) wieder einmal Ausdruck einer ausgeprägten konserva­tiven Ignoranz in der Schuldiskussion.

Dies, kombiniert mit einer gewissen Reflexhaftigkeit und der scheinbaren Neigung einer selektiven Wahrnehmung der rheinland-pfälzischen Schul- und Bildungslandschaft, lässt nur diesen Schluss zu. Wirklich schade, denn von einer Oppositionspartei auf Landesebene, deren Spitz­enkandidatin einen Regierungsanspruch erhebt, sowie von CDU-Funktionären auf Kreisebene sollte eigentlich mehr Differenziertheit erwartet werden können.

Doch was lesen wir von der Union? Unterstellungen, Legenden und Schlagwörter aus der konservativen Mottenkiste längst überwunden geglaubter Zeiten des schulpolitischen Kulturkampfes der 70er Jahre, als man bei der CDU Sturm lief gegen fortschrittliche und gesellschaftspolitisch basierte Schulkonzepte. Die „bösen“ Sozis seien gegen die Vielfalt im Schulsystem, sie wollten die Einheitsschule und Gleichmacherei. Die negative Spitze der Begriffswahl stellt für mich aber das Wort „Einheitsbrei“ dar. Was hier gegenüber Schülerinnen und Schülern sowie deren Eltern, die ihre Kinder beispielsweise auf Integrierte Gesamtschulen schicken und sie bewusst dort unterrichten lassen, mitschwingt, lässt eine Haltung vermuten, die nicht nur abwertende Züge beinhaltet, sondern dazu noch an Engstirnigkeit kaum zu überbieten ist.

Fakt ist: Sozialdemokratische Bildungspolitik in Rheinland-Pfalz hat damit überhaupt nichts zu tun. Diese setzt vielmehr auf gleiche Bildungs- und Startchancen in einer vielfältigen, jedoch nach oben durchlässigen Schulstruktur, bestehend aus Ganztagsschulen, inte­grierten Schulformen mit einem längeren gemeinsamen Lernen, dem vielfältigen berufsbildenden Bereich mit Übergangsmöglichkeiten in allgemeinbildende Schul­formangebote sowie eine Schulstrukturreform, die auf der Höhe der Zeit ist sowie auf das Bildungswahl­ver­halten der Eltern und objektiv zurückgehende Schüler­zahlen im Bereich der Hauptschule eine realistische Antwort gibt. Die Realschule plus führt zum Abschluss der Berufsreife (früher Hauptschulabschluss) und zur Mittleren Reife, an einigen Standorten eröffnet sie auch die Möglichkeit, die Fachhochschulreife wohnortnah zu erwerben.

Angesichts dessen sollten auch die Kreis-CDU und die JU endlich zur Kenntnis nehmen, dass die Landesregierung in der Schul- und Bildungspolitik vieles bewegt und Reform­notwendigkeiten erkannt hat. Ich erinnere nur daran, dass es vor nicht allzu langer Zeit noch „sozialistisches Teufelszeug“ war, wenn etwa aus der Sozialdemokratie der Ruf nach mehr Ganztagsschulen kam. Hier hat die CDU in den vergangenen Jahren dazu gelernt bzw. sich den gesellschaftlichen Realitäten gestellt. Das ist gut so und soll durchaus gewürdigt werden.
Bei der in der Union noch immer beliebten Diffamierung von integrierten Schulformen (komisch nur: wenn es um Schulstandorte vor Ort geht, können gar nicht genug Integrierte Gesamtschulen eingerichtet werden) beruft man sich natürlich auf die angeblichen „Musterländer“ Bayern, BaWü oder Sachsen, vergisst nur dabei, dass diese Länder ein völlig undurchlässiges und starres gegliedertes Schulsystem haben, in dem soziale Un­gleichheiten reproduziert werden und von gleichen Bildungschancen nicht wirklich die Rede sein kann. Wer aber eine individuelle Förderung von Kindern und ein Bildungssystem möchte, das auch diejenigen mitnimmt, die im Gegensatz zu Kindern aus Akademikerhaushalten keinen Chancenvorsprung haben (das belegen alle Studien dazu), z.B. Kinder aus sozial weniger privi­legierten Lebenslagen oder mit Migrationshintergrund, der muss wie die Landesregierung den Mut zur Durchsetzung von bildungspolitischen Veränderungen haben, ohne dabei zu überfordern. Dazu gehört unverzichtbar das längere gemeinsame Lernen. Wer dies als „Einheits­schule“ oder „Einheitsbrei“ verteufelt, der scheint nicht nur wenig von gleichen Bildungschancen zu halten, der betreibt aus meiner Sicht vor allem eine geradezu dogmatische bildungspolitische Besitzstandswahrung in alten Schubladen.
Damit wird die Union der gebotenen Ernsthaftigkeit in der wichtigen Debatte um Schulstrukturreformen nicht gerecht. Auch Frau Klöckner und Frau Dickes sind hier leider in einem Scheuklappendenken verfangen. Darüber können auch inszenierte Showeinlagen vor Bad Kreuz­nacher Gymnasien nicht hinwegtäuschen.

Michael Simon, Pfaffen-Schwabenheim
SPD-Kreisvorstand Bad Kreuznach

 

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